Flirt-SMS: Betrug oder Dienstleistung?

Simone Groß

Bereits seit September 2009 läuft am Kieler Landegericht der Prozess um kostenpflichtige Flirt-SMS. Die Kernfrage: Handelt es sich um Betrug oder nicht?

Angeklagt sind drei Betreiber von Call-Centern wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Die drei sollen mehr als 700.000 Handynutzer geschädigt haben und diese dabei um bis zu 46 Millionen Euro betrogen haben. Während die Geschädigten davon ausgingen, mit echten Partnern zu chatten, saßen am anderen Ende der Leitung bezahlte Animateure. Deren Aufgabe ist es, die Kunden möglichst lange im Chat zu halten. Bei den Geschädigten kamen dabei Rechnungsbeträge von bis zu 23.000 Euro zusammen.

Flirt-SMS: Betrug oder Dienstleistung?

Die Frage, mit der sich das Kieler Landgericht schon seit Jahren beschäftigt: Sind diese Flirt-SMS Betrug oder hätten die Kunden wissen müssen, dass es sich um eine kostenpflichtige Dienstleistung handelt? Da die Angeklagten zu den Vorwürfen schweigen, müssen zehntausende SMS überprüft werden. Dabei sollen sich die Geschädigten genau daran erinnern, was sie zum Zeitpunkt der Konversation dachten und fühlten. Die Hauptfrage ist, ob die Kunden zu irgendeinem Zeitpunkt Zweifel an der Echtheit der Kontakte hatten und trotzdem weiter schrieben. Wäre das der Fall, handelt es sich nicht um Betrug oder Täuschung. Die Verteidigung behauptet, der Kontakt zu den Chatpartnern wäre für die Kunden „durchaus wertvoll“ gewesen, da die Gründe für den Chat oft Einsamkeit, Frustration, Langeweile und Neugier waren. Deshalb plädiert diese auf Freispruch. Ein schnelles Ende der Verhandlungen ist laut Staatsanwaltschaft und Sprecher des Landgerichts nicht zu erwarten.

Das Amtsgericht Flensburg hingegen hat in einem ähnlichen Urteil bereits festgestellt, dass Flirt-SMS-Dienste Betrug sind und eine Call-Center-Mitarbeiterin wegen Beihilfe zum Bandenbetrug verurteilt.

Flirt-SMS: So schützt du dich

Der wichtigste Tipp, den wir hier geben können: Antworte nie auf SMS, wenn diese Antwort dich zusätzlich Geld kostet, du den Absender nicht kennst oder dir etwas komisch vorkommt! Schreibe keine SMS an Dienste, die über Werbung angeboten werden (Internet, TV oder Teletext).

Wirst du von solchen unseriösen SMS belästigt, so kannst du das der Bundesnetzagentur melden. Zudem gibt es bei T-Online ein Such-Formular, durch das du Informationen zum SMS-Anbieter erhältst.

Flirt-SMS: Arbeitsanweisungen aufgetaucht

Ein interessantes Detail kam, laut Focus, während der Verhandlungen ans Licht: Es gibt Arbeitsanweisungen, die die Kunden in verschiedene Kategorien einordnen und Handlungsanweisungen geben.

„Ein erfolgreicher Animateur sind wir, wenn wir es schaffen, unseren Kunden eine Illusion zu verkaufen. Das erfordert, dass wir uns mit dem Profil, das der Kunde anschreibt, identifizieren, auf die Wünsche des Kunden eingehen und ihn davon überzeugen, dass wir (das Produkt seiner Begierde) auch den Preis der SMS wert sind“, so der Wortlaut der Anweisungen. Besonders unverschämt die Beschreibung des sogenannten Typ 8: „der Minderbemittelte; alles, was auf anderem Wege keinen Partner finden würde – geistig Zurückgebliebene, Jungfrauen, körperlich Behinderte, finanziell gescheiterte Existenzen, Legastheniker, hässlich und zu dick mit zu wenig Selbstbewusstsein. Sie sind sehr schreibfreudig und pflegeleicht, wenn man Verständnis zeigt“.

Aussagen, die zwar den Verdacht des Betrugs nahelegen aber als Beweis nicht ausreichen.

Flirt-SMS: Arbeit im Schichtbetrieb

In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung berichtet ein Aussteiger über seinen Arbeitsalltag bei so einem Flirt-SMS-Dienst. Er bediente zusammen mit anderen Animateuren mehrere SMS-Chats gleichzeitig. Hatte er keinen Dienst, übernahm ein Anderer seine angefangenen Unterhaltungen. Das festgelegte Ziel: Den Kunden dazu zu bringen, möglichst viele SMS zu senden. Denn eine SMS kostet in der Regel 1,99 Euro. Mit angeblich versendeten Fotos und Handynummern, sogar mit versprochenen Treffen, die natürlich nie stattfinden, werden die Kunden hingehalten und zum Nachfragen und Weiterschreiben angeregt. Wird ein Treffpunkt vereinbart, informiert sich der Animateur per Internet-Kartendienst über die Umgebung und kann so gezielt Fragen stellen. „Ich bin in der Straße um’s Eck, wie komme ich denn jetzt zu dir?“ Die hoffnungsvollen Kunden antworten darauf und schon fließt mehr Geld in die Kasse.

Flirt-SMS: Betrug oder Dienstleistung? - Aboalarm Blog Bereits seit September 2009 läuft am Kieler Landegericht der Prozess um kostenpflichtige Flirt-SMS. Die Kernfrage: Handelt es sich um Betrug oder nicht? Artikelbewertungen: 0 0 / 5 0